Somatic Experiencing – Was ist das? – Eine Einführung

Somatic Experiencing ist eine zukunftsweisende Körperwahrnehmungs-Methode, um Traumata zu heilen. Der Fokus des Klienten wird im Hier und Jetzt auf die Wahrnehmung seiner Sinneseindrücke oder Körperempfindungen gerichtet. Dadurch können die emotionalen und physiologischen Auswirkungen von Trauma, Stress und damit verbundener Angst und Depression nachlassen und sich auflösen.

Somatic Experiencing hilf Ihnen, sich bewusst zu werden, wie Ihr Körper auf Stress oder Bedrohung antwortet. Wenn Sie z.B. mit Hilflosigkeit und Kollaps reagieren, können Sie nun neue, angemessene Antworten finden. Im Somatic Experiencing erfahren wir, dass ein überwältigendes Ereignis physiologisch im Körper stattfindet und dass unser Körper die Kraft und Fähigkeit hat, solch ein überwältigendes Ereignis zu überwinden. Die physiologischen Grundlagen, die zur Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion führen, haben wir Menschen mit allen Säugetieren gemeinsam. Lesen Sie weiter in Grundlagen von Somatic Experiencing.

Was ist ein Trauma?

Jeder Mensch kann im alltäglichen Leben Erfahrungen machen, die ihn überwältigen und vielleicht über alle Maßen ängstigen. Er kann in einen Autounfall geraten oder Opfer eines Überfalls werden, oder er sieht einen geliebten Menschen sterben. Dies sind drastische Beispiele für Erlebnisse, die einen Menschen zutiefst beeindrucken, prägen und auch verletzen können. Diese psychische Verletzung heißt „Trauma“. Lesen sie weite in Was ist ein Trauma?

Eine typische Somatic Experiencing Session

In Ihrem Nervensystem ist seit dem Trauma sehr viel Energie eingeschlossen. Der Körper weiß nicht, wohin mit dieser Energie. Das führt zu Symptomen. Schritt für Schritt werden Sie mit Somatic Experiencing herausfinden, wie Sie Ihr Nervensystem beruhigen und diese hohen Energien entladen können. Diese Fähigkeit, sich zu beruhigen und in der Ruhe zu verweilen, bewirkt, dass Sie sich wieder sicher fühlen können. Im Somatic Experiencing richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre eigenen Sinneseindrücke – auf das, was Sie hier und jetzt gerade wahrnehmen. Sie achten also darauf, was Sie gerade hören oder welche Farbe Sie gerade wahrnehmen, oder wie der Stuhl, auf dem Sie sitzen, sich im Moment anfühlt. Durch die Wahrnehmung solch einfacher Dinge lernen Sie, sich zu beruhigen.

Wenn Sie einen Autounfall hatten, so ist in Ihrer Erinnerung im Körper die Bewegung gespeichert, wie Sie z.B. mit Ihrem Arm den Aufprall abwehren. Ihr Körper ist nun in dieser „unvollständigen“ Bewegung stecken geblieben, was zu Symptomen in der Schulter führt. Im Somatic Experiencing lernt Ihr Körper, diese Bewegung zu „vervollständigen“ – und somit zu Ende zu führen. Auf diesem Weg können Sie das Körpergedächtnis für diese Armbewegung verändern: Ihr Körpergedächtnis bekommt ein Update. – Solch ein Update wirkt sich auf das gesamte Körper-Geist-System aus. Lesen sie weiter in Trauma Sitzung nach Autounfall.


Video zum Thema:

In diesem Video erklärt Peter Levine im Interview die Grundzüge von Somatic Experiencing. Im zweiten Teil des Videos sehen Sie eine Somatic Experiencing Session, die Levine einem US-Marine gibt, der eine Bombenexplosion überlebte. Das Video dauert 27 Minuten.

Video „Nature’s Lessons in Healing Trauma: An Introduction to Somatic Experiencing®“

Wann wird Somatic Experiencing angewendet?

Somatic Experiencing wurde für Schock-Traumata entwickelt wie z.B. nach Auto- und Motorradunfällen, Stürzen aus großer Höhe, plötzlichen Ereignissen wie Explosionen oder Erdbeben, bei schweren Verletzungen oder Operationen, nach dem Tod eines geliebten Menschen, Schicksalsschlägen, häuslicher Gewalt oder Überfällen. Somatic Experiencing eignet sich, die akuten wie auch die oft über Jahre bestehenden Symptome und Folgen aus solch einem Ereignis zu behandeln.

Sie können Somatic Experiencing auch dazu verwenden, einen Weg aus chronischem Stress, einem Burnout oder einem Nervenzusammenbruch zu finden und die Basis für einen Neuanfang zu schaffen.

Die Symptome, die durch Traumata und Schocks ausgelöst werden, äußern sich auf vielerlei Weise. Oft treten sie erst sechs Monate nach dem Ereignis auf, sodass Sie den Zusammenhang mit dem Ereignis gar nicht herstellen. Der Beginn ist schleichend. Vielleicht bekommen Sie immer Kopfschmerzen oder werden extrem nervös, wenn Sie fallende Blätter sehen, weil der Autounfall im Herbst stattfand. Lesen Sie weiter in Schock-Trauma Symptomenliste.

Was bewirkt Somatic Experiencing?

Mit Somatic Experiencing finden Sie Schritt für Schritt in den Normalzustand zurück. Sie werden ruhiger, gelassener und können besser mit Stress umgehen. Sie haben mehr Energie zur Verfügung – denn Trauma und Stress sind Energieräuber. Ihre Symptome lassen nach oder verschwinden. Sie sind emotional ausgeglichener, offener und freundlicher. Ihre Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und mit diesen entspannt und offen zu reden, nimmt zu. Ihre Lebensfreude kehrt zurück.

„Ein Trauma kann man nicht einfach ignorieren. Es ist fester Bestandteil der primitiven biologischen Grundlagen unserer Existenz. Wir können uns als Individuen und als Gemeinschaften von der ständigen Wiederholung unseres traumatischen Erbes nur befreien, indem wir es transformieren. Ganz gleich, ob wir diese Transformation durch Gruppenerfahrungen, durch schamanische Praktiken oder durch individuelle Arbeit herbeiführen wollen, entscheidend ist, dass wir diese Aufgabe auf irgendeine Weise lösen. Die Natur lässt sich nicht narren.“
Peter A. Levine, Trauma-Heilung: Das Erwachen des Tigers


Ein lesenswertes Buch zum Thema:

Peter A. Levine, Sprache ohne Worte, 448 S., 29,90 €, Kösel-Verlag, ISBN 978-3466309184 – Die englische Ausgabe In an Unspoken Voice
In diesem Buch vereint Levine seine bahnbrechenden Forschungen über Stress und Trauma und seine immense therapeutische Erfahrung mit den neuesten Erkenntnissen aus Gehirnforschung, Neurobiologie und integrativer Body-Mind-Medizin. Er zeigt anhand von eindrücklichen Fallbeispielen, dass traumatische Reaktionen Teil eines intelligenten psychosomatischen Selbstschutzsystems sind, welches Fachleute ebenso wie Laien unbeabsichtigt blockieren. Wenn wir jedoch lernen, auf die Weisheit des Körpers zu hören, der sich in einer Sprache ohne Worte ausdrückt, so kann ein Trauma transformiert und aufgelöst werden. 

Schock-Trauma Symptomenliste

Ob es nun ein elektrischer Schlag ist, oder ein Autounfall, oder der plötzliche Tod einer Geliebten Person ist. Solche Ereignisse, treten plötzlich auf, und haben eine sehr intensive Wirkung auf uns. Je intensiver und je plötzlicher das Ereignis eintritt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Schock erleiden.

Psychologische Symptome

  • Flashbacks und Albträume
    Sie erleben das Ereignis wieder und wieder. Diese Flashbacks können äußerst realistisch sein mit all den Emotionen, Schweißausbrüchen und Geräuschen von damals. Unwesentliche Dinge im Alltag können einen Flashback auslösen. Wenn Sie zum Beispiel einen Autounfall bei Regen im Herbst hatten, so können schon Regentropfen oder fallende Blätter einen Flashback bewirken.
  • Vermeidungsverhalten & Taubheit
    Das Erlebnis kann so schmerzhaft oder aufwühlend sein, dass Sie jeder Erinnerung daran aus dem Weg gehen. Sie versuchen sich abzulenken, vielleicht durch ein Hobby, durch zu viel Arbeit oder indem Sie Ihre Zeit mit Kreuzworträtseln verbringen. Sie vermeiden Plätze, Situationen und Menschen, die Sie daran erinnern. Sie versuchen, mit Ihren Gefühlen klar zu kommen, indem Sie gar nichts mehr fühlen. Sie werden emotional taub. Sie kommunizieren weniger mit Menschen. Diese empfinden dann das Zusammenleben oder Zusammenarbeiten mit Ihnen als anstrengend.
  • Überhöhte Wachsamkeit
    Sie sind dauernd auf der Hut. Sie können nicht entspannen, Sie schlafen schlecht und Ihre Mitmenschen empfinden Sie als sprunghaft, reaktionsschnell und leicht irritierbar. Sie selbst wissen nicht, warum das so ist.
  • Gefühle von Panik und Angst
    Sie bemerken, dass bestimmte Trigger angstvolle Gefühle oder Panik auslösen. Diese Trigger können zum Beispiel Schneeflocken sein, wenn der Unfall im Winter bei Schneetreiben stattfand. Diese Gefühle können subtil über den Tag verteilt auftreten oder Sie auch einmal massiv überschwemmen. Sie wissen nur, dass das früher nicht so war.
  • Depressionen
    Ihre Niedergeschlagenheit steht vielleicht in direktem Zusammenhang mit einem traumatischen Erlebnis (Schock-Trauma). Eventuell entdecken Sie während der Therapie, dass die Ursache in Ihrer Kindheit (Komplexes Trauma) liegt. Ein vor Kurzem eingetretenes Schock-Trauma kann auch ein bislang noch schlafendes Kindheitstrauma aktivieren und Sie in eine tiefe Depression stürzen.
  • Gefahrensituation
    Sie fühlen sich von gefährlichen Situationen oder Menschen angezogen. Sie können dann nicht nein sagen oder sich der Situation entziehen.
  • Emotionsschwankungen
    Ihre Handlungen und Reaktionen sind impulsiv und teilweise übertrieben. Wegen Lappalien regen Sie sich auf oder werden sehr aggressiv oder geraten in tiefe Hilflosigkeit oder Teilnahmslosigkeit. Ihre Emotionen schießen hoch und Sie haben vermutlich Probleme mit ihrer Kontrolle. Diese Stimmungsschwankungen sind anstrengend. Sie haben das Gefühl, unfreiwillig in einer emotionalen Achterbahn zu sitzen, und wissen nie, was als Nächstes kommt.
  • Schlafprobleme
    Sie haben Albträume. Sie wachen nachts mit „Alarm“ auf. Ihr Schlaf ist nicht erholsam. Dementsprechend sind Sie am Tag übermüdet. Das frisst Energie.
  • Konzentrationsprobleme
    Sie sind abgelenkt oder geistig abwesend, schalten bei jeder Gelegenheit ab, haben Konzentrationsprobleme, können nicht klar denken, haben Entscheidungsschwierigkeiten oder Orientierungsprobleme, haben keinen Plan, verlieren schnell die Übersicht, sind vergesslich, verlegen Dinge oder stoßen sich an Möbeln.
  • Überforderung
    Sie fühlen sich konstant überfordert. Es ist Ihnen einfach alles zu viel. Das kann zu Scham, Wut, Depression oder dem Gefühl führen, extrem schwache Nerven zu haben.
  • Kontaktprobleme
    Ihre Mitmenschen empfinden das Zusammenleben oder Zusammenarbeiten mit Ihnen als anstrengend. Sie selbst haben Kontaktprobleme, können sich schlecht einbringen, erhalten nicht das Feedback, das Sie sich wünschen, empfinden es als schwierig, die Zuneigung und Liebe von anderen zu empfangen. Die dauernde Beschäftigung mit den eigenen unerklärlichen Befindlichkeiten und Symptomen hindert Sie daran, Kontakte offen einzugehen und diese dann zu halten.

 

Physiologische Symptome

  • Verspannungen und Schmerzen in der Beugemuskulatur
    Kampf-, Flucht- und Totstellreflexe aktivieren die Beugemuskulatur. Wenn die bereitgestellte  Überlebensenergie nicht abgebaut wird, treten Verspannungen und Schmerzen auf. – Die Beugemuskeln sind jene Muskeln, die Sie benutzen, wenn Sie sich zu einer Kugel zusammenziehen oder wenn Sie die Haltung eines Boxers oder einer wütenden, fauchenden Katze mit Katzenbuckel einnehmen. Dazu gehören die tiefen Becken- und Bauchmuskeln sowie die Brust-, Kiefer- und Nackenmuskeln, außerdem die Beugemuskeln der Arme und Beine.
  • Kopfschmerzen
    Wenn Sie die Beugemuskulatur anspannen, so sind die Nackenmuskeln davon betroffen. Das behindert den Blutfluss und die Sauerstoffversorgung des Gehirns. Folglich sind Sie anfällig für Kopfschmerzen oder Migräne.
  • Orientierungsprobleme
    Sie können sich schlecht im Strassenverkehr zu orientieren. Im Haus verlegen Sie immer wieder Dinge. Insgesamt verlieren schnell den Überlick und wissen nicht mehr wo es lang geht.
  • Durchfall
    Wenn Säugetiere kämpfen oder fliehen, wird die Verdauung gestoppt und der Darm entleert. Deshalb haben viele Menschen vor einer Prüfungssituation Durchfall oder müssen kurz vorher auf die Toilette. Nach einem Schock-Trauma kann dieser Mechanismus nicht abgeschaltet werden. Das äußert sich dann in chronischem oder wechselndem Durchfall und Magenbeschwerden. Gelegentlich wird dann ein „Reizdarm“ diagnostiziert.
  • Unregelmäßiger Herzschlag
    Ihnen fallen ungewöhnliche Herzaktionen auf. Diese werden als zu schnell, angestrengt, zu kräftig oder unregelmäßig wahrgenommen. Ihr Kardiologe kann dafür jedoch keine Ursache feststellen.
  • Übermäßiger Alkoholgenuss
    Alkohol entspannt und lässt Sie kurzfristig Ihre „unlösbaren“ Probleme vergessen. Dies ist kein Suchtverhalten, sondern eher eine Selbstmedikation. Sie kann aber später in Sucht umschlagen.
  • Drogen inklusive Schmerz- oder Beruhigungsmitteln
    Um Ihren Alltag durchzustehen und funktionsfähig zu bleiben, nehmen Sie regelmäßig Medikamente wie z.B. Beruhigungsmittel, Aufputschmittel, Stimmungsaufheller, Schlafmittel, Schmerzmittel oder Muskelrelaxantien. Eventuell greifen Sie auch zu illegalen Drogen.
  • Taubheitsgefühle
    Sie spüren Teile Ihres Körpers nicht oder haben Taubheitsgefühle in bestimmten Körperregionen. Neurologisch lässt sich jedoch nichts feststellen.
  • Empfindlichkeiten
    Sie reagieren empfindlich auf Licht, Geräusche, Gerüche oder Berührungen der Haut.
  • Erschöpfung
    Sie geraten immer wieder in Erschöpfungszustände oder sind konstant körperlich und psychisch erschöpft. Dementsprechend arbeiten und leben Sie dauernd an Ihrer Leistungsgrenze. Sie fühlen sich ausgelaugt. Ihnen ist alles zuviel.
  • Leistungsbereitschaft
    Sie haben das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen. Ihnen steht viel zu viel Energie zur Verfügung. Sie wissen nicht, wohin damit. Dadurch überschreiten Sie schnell Ihr körperliches Limit. Das wechselt mit Erschöpfungszuständen ab.
  • etc.
    Diese Liste ist nicht vollständig.

„Trauma is perhaps the most avoided, ignored, belittled, denied, misunderstood, and untreated cause of human suffering. Although it is the source of tremendous distress and dysfunction, it is not an ailment or a disease, but the byproduct of an instinctively instigated, altered state of consciousness. We enter this altered state, let us call it survival mode, when we perceive that our lives are being threatened. If we are overwhelmed by the threat and are unable to successfully defend ourselves, we can become stuck in survival mode. This highly aroused state is designed solely to enable short-term defensive actions; but left untreated over time, it begins to form the symptoms of trauma.“
Peter A. Levine, Waking the Tiger


Syndrome

Folgende Syndrome werden mit Traumata assoziiert:

Diagnose

Klingen die Symptome nach dem Schockereignis innerhalb von sechs Wochen ab, so handelt es sich um eine normale Anpassungsreaktion ohne Trauma. Bestehen die Symptome länger als sechs Wochen, handelt es sich wahrscheinlich um ein Trauma.

  • Grundsätzlich gilt: Je intensiver der Schock, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines Traumas. Doch schon ein unbedeutender Blechschaden am Auto kann ein Trauma verursachen.
  • Die Symptome treten unmittelbar nach der Schocksituation oder erst mit bis zu 18 Monaten Verzögerung auf.
  • Die Symptome stellen sich schleichend ein und können über Jahre fortbestehen.
  • Sie selbst erkennen den Zusammenhang zwischen den Symptomen nicht oder nur unvollständig.
  • Die Symptome sind teilweise bizarr, sehr individuell und für Sie schwer einzuordnen.
  • Ihre Mitmenschen bemerken in der Regel nicht, was in Ihnen vorgeht.
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Grundlagen von Somatic Experiencing

Tiere erleben Stress ohne Trauma. Warum ist das so? Alle Säugetiere, auch der Mensch, verfügen über eine äußerst effektive Überlebensstrategie: die Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion. In lebensbedrohlichen Situationen stellt ihr Organismus schlagartig die notwendige Energie zur Verfügung. Diese Strategie hat sich in der Evolution bewährt.

Die Fight Flight Freeze Response besteht aus drei Phasen:

  • Energie bereitstellen
  • Kampf-, Flucht-oder Erstarrungsreaktion
  • Energie entladen = Selbstregulation
(engl.  Flight Fight Freeze Response)
(Zittern, Vibrieren, Schütteln und tiefe spontane Atmung)

Energie bereitstellen
Eine Gefahrensituation kann schlagartig eintreten. Sei es durch einen überraschenden Angriff aus dem Hinterhalt oder die Notwendigkeit einer Flucht. Innerhalb von Millisekunden werden Stresshormone ausgeschüttet und der Organismus befindet sich in Alarmbereitschaft.

Kampf und Flucht
Die bereitgestellte Energie wird für Kampf oder Flucht verwendet.

Erstarrungsreaktion
Wenn ein Kampf aussichtslos und eine Flucht unmöglich ist, erstarrt das Tier. Es fällt „wie tot“ zu Boden. Totstellreflex bzw. Schreckstarre sind Zustände völliger Bewegungsunfähigkeit. Sie haben in der Evolution einen Vorteil, weil manche Fressfeinde primär auf die Bewegung des Beutetieres reagieren. Auch kann es geschehen, dass der Fressfeind abgelenkt wird und das gejagte Tier in dieser Zeit aus der Erstarrung erwacht und flieht.

Energie entladen
Ist das Tier wieder in Sicherheit, entlädt es die überschüssige Energie durch verschiedene Reaktionen wie Zittern, Vibrieren, Schütteln und tiefe spontane Atmung. Danach kehrt es zu seiner Herde zurück, als wenn nichts gewesen wäre. – Es bleibt kein Trauma zurück.

Photo by Chris Sabor on Unsplash

Warum Menschen im Trauma stecken bleiben

Im menschlichen Organismus laufen diese drei Phasen wie bei den Säugetieren ab. Jedoch sind wir durch unsere denkende Großhirnrinde in der Lage, die dritte Phase – also die Entladungsphase – in unserem Körper zu unterbrechen. Damit wird die Selbstregulation unseres Körpers gestört. Wir unterdrücken das Zittern Vibrieren, Schütteln und auch die spontanen tiefen Atemzüge, weil diese heftigen autonomen Reaktionen uns verunsichern. Die Intensität der Überlebensenergie in uns ängstigt uns, sodass wir versuchen, diese zu kontrollieren und auf ein erträgliches Maß abzusenken.

Durch Unterbrechung der Entladungsphase bleibt der Körper physiologisch stecken. Das ist so, als ob das Gaspedal bei Vollgas klemmt. Was geschieht dann? Die Energie bleibt im Körper, sie wird nicht abgebaut. Dies kann zu verschiedensten Symptomen führen wie Schlafproblemen, Herzproblemen, Verdauungsproblemen, Atemproblemen, Nervosität, emotionalen Problemen, kognitiven Problemen, Verhaltensproblemen.


In diesem englischen Video zeigt Peter Levine, was im Körper mit der Traumaenergie passiert.

Biologische Vervollständigung

Hatten Sie z.B. einen Autounfall, so ist in Ihrem Körper die Erinnerung an die Bewegung gespeichert, wie Sie mit Ihrem Arm den Aufprall abwehren. Ihr Körper ist in dieser „unvollständigen“ Bewegung stecken geblieben, was zu Symptomen z.B. in der Schulter führt.

In der Somatic Experiencing Session führen Sie nun in vielen kleinen Schritten diese Armbewegung „bis zum Ende“. Sie vervollständigen also die Armbewegung und damit die autonome Selbstschutzreaktion Ihres Körpers. Dies wird auch als „biologische Vervollständigung“ bezeichnet. Dadurch kann Ihr Körper die seit dem Trauma angestaute Überlebensenergie entladen. Auf diese Weise können Sie die Erfahrung neu integrieren, das heißt: Sie bewegen sich von der Fragmentierung zur Integration. Ihr System wird aus der Erstarrung erlöst und kann sich so besser selbst regulieren. Durch die Selbstregulation steigt seine Resilienz, was bedeutet, dass Sie in Zukunft die „Härten des Alltags“ besser abfedern können.

Das Besondere an Somatic Experiencing

In vielen Therapieformen müssen Sie das traumatische Ereignis nochmals erzählen und nochmals durchleben. Es werden Regression und Katharsis angestrebt. Diese Methoden haben sicher ihre Berechtigung, können jedoch im Falle eines Traumas für Sie als Klienten äußerst belastend sein und dann zur Retraumatisierung führen. Aus der Ansicht heraus, die Vergangenheit entscheide darüber, wer Sie in der Gegenwart sind, wird Ihrer Vergangenheit viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Somatic Experiencing sagt, dass die Vergangenheit durchaus nicht unsere Gegenwart bestimmt. Was unser gegenwärtiges Erleben negativ beeinflusst, ist vielmehr das Fortbestehen von Überlebensstrukturen aus der Vergangenheit und die dadurch bedingte Desorganisation im gegenwärtigen Nervensystem, was wiederum zur Verzerrung der Identität führt.

Somatic Experiencing nimmt immer Bezug auf den gegenwärtigen Moment und zwar durch das Spürbewusstsein (engl. felt sense). Indem wir achtsam im Hier und Jetzt unsere Sinneseindrücke wahrnehmen, erreichen wir eine Selbstregulation des Nervensystems. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass wir besser in Kontakt mit dem Sein kommen und uns wieder lebendiger fühlen. Dem Somatic-Experiencing-Ansatz zufolge kann die heilende Regulierung dann vollständig eintreten, wenn Sie in Kontakt mit sich selbst und Ihrem Körper sind – und wenn Sie in Beziehung zu anderen sind.


„Indem wir lernen, Körperempfindungen zu erkennen und zu ihnen in Kontakt zu treten, nehmen wir die Verbindung zu unseren instinktiven Ursprüngen im Reptiliengehirn auf. Für sich genommen sind Instinkte nichts weiter als Reaktionen. Doch wenn diese Reaktionen durch unser gefühlsbetontes Säugetiergehirn und unsere typisch menschlichen kognitiven Fähigkeiten ergänzt werden, erleben wir die Fülle unseres evolutionären Erbes … Ohne die intakte Verbindung zu unseren Instinkten und Gefühlen können wir unsere Verbundenheit mit der Erde, mit unserer Familie und mit der gesamten Existenz nicht spüren. Hierin liegen die Wurzeln des Traumas.“
Peter A. Levine, Trauma-Heilung: Das Erwachen des Tigers


Ein lesenswertes Buch zum Thema ist:

Peter A. Levine,Trauma Heilung – Das Erwachen des Tigers 265 S., 20,50 €, Synthesis, ISBN 978-3922026914 (die englische Ausgabe, Waking the Tiger – Healing Trauma)
Mit diesem Buch ist Peter Levine berühmt geworden. Er zeigt dem Leser sehr ausführlich, warum es so wichtig ist, den Fokus auf Sinneseindrücke zu richten. Er schlägt einen weiten Bogen zur Neurobiologie und erklärt, warum Tiere in freier Wildbahn kein Trauma erleiden. Aus diesen Erkenntnissen hat er in 30 Jahren klinischer Erfahrung die körperorientierte Somatic-Experiencing-Methode entwickelt. Diese wird im Buch anschaulich beschrieben.

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Trauma Sitzung nach Autounfall

Der Autounfall fand vor zwei Jahren an einem regnerischen Tag statt. Marianne – unsere imaginäre Klientin – stand mit ihrem Wagen an einer Kreuzung, als ein Lieferwagen von hinten auf ihr Auto auffuhr. In ihrem Rückspiegel erkannte sie den schnell auf sie zu fahrenden Lieferwagen nur wenige Sekunden vor dem Aufprall. Im Krankenhaus wurden später ein Schleudertrauma und schwere Prellungen diagnostiziert.

Seit dem Autounfall

Das Schleudertrauma ließ sie ein halbes Jahr lang bei einem Chiropraktiker behandeln. Die ständigen Kopfschmerzen sowie die Verspannungen im Nacken wurden jedoch nicht besser. Seit dem Auffahrunfall hat Marianne Schlafprobleme. Panikattacken wecken sie mitten in der Nacht, tagsüber hat sie wiederholt Flashbacks von splitterndem Glas und spürt erneut den Aufprall im Körper. Sie ist oft abgelenkt, verlegt Dinge, die sie dann ewig sucht, und stößt sich ungeschickt an Möbelstücken. Wenn sie Auto fährt, schaut sie dauernd in den Rückspiegel und kämpft mit Panikgefühlen, wenn sie an einer Ampelkreuzung anhalten muss. Autofahren vermeidet sie, so gut es geht.

Wann tritt Sicherheit ein?

Als Marianne die Praxis für ihr erstes Somatic Experiencing besucht, wirkt sie übermüdet, blass und etwas nervös. Sie beginnt sofort, von dem Unfall zu erzählen. Bereits beim ersten Satz wird sie hellwach und gestikuliert mit den Armen. Freundlich unterbreche ich sie und sage:

„All das, was Ihnen damals passiert ist, möchte ich mir zu einem späteren Zeitpunkt mal anhören – aber jetzt habe ich eine andere Frage an Sie: Wann haben Sie sich zum ersten Mal wieder sicher gefühlt nach dem Unfall?“

Marianne ist überrascht von der Fokusverlagerung. Sie berichtet mir dann von ihrem Ehemann, wie er in die Notaufnahme kam. Ich frage Marianne, was sie bei dem Gedanken an diese Situation jetzt gerade wahrnimmt, und sie berichtet von einem Gefühl der Wärme in ihren Beinen und wie sich ihr Nacken und dann der ganze Körper entspannt. Ich beobachte, wie sich ihre zuvor flache Atmung entspannt und ihre Atemzüge tiefer und regelmäßiger werden. Sie berichtet weiter über einzelne Empfindungen und wie sie sich in ihrem Körper immer wohler und sicherer fühlt. Ein Zustand, den sie seit dem Unfall vermisst hat.

Wenn das autonome Nervensystem überfordert ist

Ich erkläre Marianne, dass ihr autonomes Nervensystem durch den Aufprall und die lauten Geräusche überfordert wurde. Das ist so, als ob man durch ein Stromnetz, das für 220 Volt ausgelegt ist, nun Starkstrom schickt. Das Nervensystem weiß nicht, wohin mit der vielen Energie. Das führt dann zu dem Gefühl, ständig unter Strom zu stehen, zu den Alarm- und Panikzuständen, die sie wiederholt erlebt, und zu der anschließenden tiefen Erschöpfung, in die sie fällt. – Sie nickt verstehend. Im Somatic Experiencing gehen wir davon aus, dass das Trauma nicht im Ereignis selbst steckt, sondern sich im Nervensystem abspielt. Deshalb ist es wichtig, dem autonomen Nervensystem die Möglichkeit zu geben, sich zu beruhigen und neu zu sortieren.

Als Nächstes frage ich Marianne, was ihr geholfen hat, die schwierige Zeit nach dem Unfall zu überstehen. Marianne berichtet von verschiedenen Familienmitgliedern, von Freunden und hilfreichen Aktivitäten wie ruhige Musik hören oder Fahrrad fahren. Wieder lenke ich ihre Aufmerksamkeit auf das, was sie gerade empfindet, während sie von ihren hilfreichen Freunden und den angenehmen Erlebnissen erzählt.

Was hilft ruhiger zu werden?

Ich erkläre ihr, dass wir im Somatic Experiencing zunächst einmal einen Platz von Sicherheit und Ruhe schaffen, den sie jederzeit wieder aufsuchen kann, wenn es ihr „zu viel“ wird. Dadurch, dass sie beim Gedanken an all die Situationen, die ihr geholfen haben, jetzt ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit wahrnimmt und auskostet, geben wir ihrem Nervensystem die Chance, sich neu zu regulieren. – Marianne schweigt einen langen Moment. Ich beobachte, wie sich ihre Gesichtszüge entspannen und ihr Blick klarer wird.

Nun schlage ich ihr ein kleines Experiment vor.

„Wie wäre es, wenn wir zu dem allerersten Moment gehen, als Sie bemerkten, dass da etwas schief geht, und Sie diesen Moment einfrieren wie ein Foto?“

Sie berichtet von dem Bild des Lieferwagens in ihrem Rückspiegel und wie sie gleichzeitig eine Gänsehaut bekommt und nervös wird. „Wie wäre es, wenn Sie sich den Lieferwagen in einiger Entfernung vorstellen? In einer Entfernung, wo Sie sich von ihm weniger bedroht fühlen, aber ihn dennoch sehen können?“ Marianne platziert den Lieferwagen in ihrer Vorstellung mehrere hundert Meter weiter nach hinten, sodass er ganz klein im Rückspiegel erkennbar ist. Auch berichtet sie, wie sich ihre Nervosität langsam wieder legt und sie ruhiger wird. Wir geben diesem „Ruhigerwerden“ viel Raum und Zeit.

Forschritt durch ganz kleine Schritte

Anschließend erläutere ich: „So ein Unfall ist wie ein Film, der aus einzelnen Bildern auf einer Filmrolle besteht. Dem Nervensystem ist es egal, ob die Bilder auf der Filmrolle mit der Wirklichkeit von damals übereinstimmen oder nicht. Wesentlich ist, dass Sie ein Bild gefunden haben, das Ihnen hilft, an den Lieferwagen zu denken, ohne gleich nervös oder panisch zu werden. Wir gehen nun in kleinen Schritten vor. Bild für Bild können wir die Filmrolle vor- und zurückdrehen, so wie Sie es sich wünschen.“ Marianne lehnt sich in ihrem Stuhl zurück.

Wir wenden uns dem eingefrorenen Bild vom weit entfernten Lieferwagen wieder zu. Auf die Frage, was ihr Körper bei diesem Anblick nun am liebsten tun würde, ist ihre spontane Antwort.

„Gas geben!“

Wir probieren das nun aus. Dabei spürt sie einen warmen Fluss Energie durch ihr Bein strömen. Nachdem wir dem Raum gegeben haben und sie die Erleichterung in ihrem Körper willkommen geheißen hat, kehren wir nochmals zu der Situation zurück. Wieder frage ich nach ihrem Bedürfnis bei der erneuten Betrachtung des Bildes. Diesmal berichtet sie von einer tiefen Wut und dass sie den Fahrer beschimpfen möchte. Auch diese Situation schauen wir uns zusammen an und verfolgen, wie ihr Körper reagiert.

Marianne kann nach mehreren Somatic Experiencing Sessions im Verlauf von sechs Monaten einen Großteil ihrer Ängste meistern. Auch die Mehrzahl ihrer Symptome löst sich schrittweise auf.


Dieser Text entstand in Anlehnung an den nachfolgend genannten Artikel von Diane Poole Heller und Larry Heller. Wenn Sie Interesse am theoretischen Hintergrund von Somatic Experiencing haben und mehr über die Funktion des autonomen Nervensystems am Beispiel von Marianne erfahren möchten, so lesen Sie weiter in Somatic Experiencing® in the Treatment of Automobile Accident Trauma, by Diane Poole Heller, Ph.D. and Larry Heller, Ph.D. Abstract


„Die Dynamik des Traumas besteht zu einem Teil darin, dass es uns von der inneren Erfahrung abtrennt, um unseren Organismus vor Empfindungen und Emotionen zu schützen, die wir vielleicht nicht verkraften könnten. Es kann einige Zeit dauern, bis wir genügend Vertrauen entwickeln, um kleine innere Erfahrungen zulassen zu können. Seien Sie geduldig und vergegenwärtigen Sie sich immer wieder, dass Sie nicht alles auf der Stelle zu erfahren brauchen. Diese Heldenreise besteht aus vielen kleinen Schritten, die Sie einen nach dem anderen gehen.“

Peter A. Levine, „Trauma-Heilung: Das Erwachen des Tigers“


Ein lesenswertes Buch zum Thema ist:

Diane Poole Heller/Laurence S. Heller, Crash-Kurs zur Selbsthilfe nach Verkehrsunfällen: Vermeidung und Auflösung von Traumatischen Erlebnissen (englische Ausgabe, Crash Course – A Self Healing Guide to Auto Accident, Trauma & Recovery), 288 S., 29,98 €, Synthesis, ISBN 978-3922026389

In diesem Buch wird Ihnen gezeigt, wie Sie sich nach einem Autounfall selbst helfen können, damit keine Traumasymptome zurückbleiben. Es ist ein „Do-it-yourself-Guide“ bei Schock-Trauma.

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Was ist ein Trauma?

Jeder Mensch kann im Alltagsleben Erfahrungen machen, die ihn überwältigen und über alle Maßen ängstigen. Er kann in einen Autounfall geraten, Opfer eines Überfalls werden oder einen geliebten Menschen sterben sehen. Solche drastischen Erlebnisse können einen Menschen tief beeindrucken und auch psychisch verletzen. Eine solche Verletzung wird als „Trauma“ bezeichnet.

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Das Alltagsleben geht nach dem Ereignis weiter und die meisten Menschen lernen, damit fertig zu werden, ohne dass sie Hilfe erhalten haben. Nach ein paar Wochen lassen die heftigen Gefühle und Symptome langsam nach. In manchen Menschen verursacht solch ein traumatisches Ereignis jedoch eine Reaktion, die noch Monate und Jahre anhält. Die Reaktion auf das Trauma bezeichnet man als „Posttraumatische Belastungsstörung“ PTBS, engl. Posttraumatic Stress Disorder: PTSD.

Was verursacht Trauma und PTBS?

Schock-Traumata verursachen eine PTBS, ausgelöst z.B. durch

  • Autounfall, Unfälle, Stürze aus großer Höhe (selbst erlebt oder miterlebt!)
  • Militäreinsatz, Folter, Katastrophen
  • Verlust von Gliedmaßen, Verstümmelung
  • Schlägerei, Vergewaltigung, Missbrauch, Überfall
  • Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit
  • Operation (auch Zahn-OP), Verletzung, Geburtsstress
  • Verlust einer geliebten Person

Was für den einen Menschen nur ein massiver Nervenkitzel ist, kann auf einen anderen traumatisierend wirken. Generell gilt: Je heftiger und bedrohlicher das Ereignis ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Körper die Energie nicht mehr verkraftet und mit Symptomen antwortet.

Symptome einer PTBS

Viele Menschen haben nach einem traumatischen Erlebnis Gefühle von tiefer Trauer, Depression oder Schuld und Wut. Neben diesen sehr verständlichen Emotionen gibt es drei Symptome, die oft vorkommen und über Jahre anhalten können:

  • Flashbacks und Albträume
    Sie erleben das Ereignis wieder und wieder. Diese Flashbacks können äußerst realistisch sein mit all den Emotionen, Schweißausbrüchen und Geräuschen von damals. Unwesentliche Dinge im Alltag können einen Flashback bewirken. Wenn Sie zum Beispiel einen Autounfall bei Regen hatten, so kann ein regnerischer Tag einen Flashback auslösen.
  • Vermeidungsverhalten und Taubheit
    Das Erlebnis kann so schmerzhaft oder aufwühlend gewesen sein, dass Sie jeder Erinnerung daran aus dem Weg gehen. Sie versuchen sich abzulenken, vielleicht durch ein Hobby, durch zu viel Arbeit oder indem Sie Ihre Zeit mit Kreuzworträtseln verbringen. Sie vermeiden Plätze, Situationen und Menschen, die Sie daran erinnern. Sie versuchen mit Ihren Gefühlen klar zu kommen, indem Sie gar nichts mehr fühlen. Sie werden emotional taub. Sie kommunizieren weniger mit Menschen. Diese empfinden dann das Zusammenleben oder das Zusammenarbeiten mit Ihnen als anstrengend.
  • Überhöhte Wachsamkeit
    Sie sind dauernd auf der Hut. Sie können nicht entspannen, Sie schlafen schlecht und Ihre Mitmenschen empfinden Sie als sprunghaft, reaktionsschnell und leicht irritierbar. Sie selbst wissen nicht, warum das so ist.

Weitere PTBS-Symptome sind

  • Verspannungen, Muskelschmerzen
  • Durchfall
  • Kopfschmerzen
  • Gefühle von Panik und Angst
  • Depression
  • Unregelmäßiger Herzschlag (Palpitationen)
  • Zu hoher Alkoholgenuss
  • Drogen- und Schmerzmittelkonsum

Woran erkenne ich, dass ich eine PTBS habe?

Sie hatten ein entsprechendes Erlebnis.

  • Sie haben Flashbacks, lebhafte Erinnerungen oder Albträume.
  • Sie vermeiden alles, was Sie daran erinnert.
  • Sie empfinden sich als emotional stumpf oder taub.
  • Sie sind dauernd auf dem Sprung, schnell irritierbar, wissen aber nicht, warum.
  • Sie lenken sich ab, um damit klar zu kommen.
  • Sie sind depressiv und erschöpft.
  • Der Umgang mit anderen fällt Ihnen schwer.
  • Sie essen mehr, trinken mehr Alkohol, nehmen Drogen oder Beruhigungsmittel.
  • Ihre Emotionen schießen unkontrolliert hoch.

Ist das Ereignis weniger als sechs Wochen her und die Symptome nehmen langsam ab, so gehört dies zum normalen Anpassungsprozess.
Liegt das Ereignis mehr als sechs Wochen zurück, ohne dass die Symptome besser werden, sollten Sie mit einem Arzt reden.


„Einige Traumata – Verlust, Tod, Unfälle, Krankheit oder Missbrauch – sind offensichtlich. Andere, wie der emotionale Verlust eines ungeliebten Kindes, sind subtiler. Und einige, wie meine eigenen Gefühle der Entfremdung, schienen aus dem Nichts zu kommen. Aber es ist schwer, sich den Umfang eines individuellen Lebens vorzustellen, ohne sich eine Art Trauma vorzustellen. Und es ist schwer für die meisten Menschen zu wissen, was sie dagegen tun sollen. . . Es ist selten, dass jemand durchs Leben kommt, ohne ein Trauma zu erleiden. . . (Mein Vater) tat sein Bestes, um es aus seinem Bewusstsein zu halten, so lange er konnte.“

Mark Epstein, The Trauma of Everyday Life


Warum wird eine PBTS oft nicht erkannt?

  • Sie reden nicht gerne über Dinge, die Sie aufwühlen, die Sie beunruhigen oder tief ängstigen (Das ist bei den meisten Menschen so.).
  • Nahestehende und selbst Ärzte fühlen sich unwohl, wenn Sie versuchen, über grausame Ereignisse zu reden. Warum sollten Sie sich dann diesen Menschen offenbaren?
  • Sie möchten nicht zugeben, dass Sie das eine oder andere Symptom haben, weil Sie nicht möchten, dass man Sie als schwach oder psychisch instabil einschätzt.
  • Sie bemerken ein paar Symptome, jedoch erkennen Sie weder deren Zusammenhang noch deren Ursache.
  • Es fällt Ihnen viel leichter, über begleitende Probleme zu reden (wie z.B. Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Verspannungen, Probleme mit Alkohol oder mit der Arbeit) als über die Ursache selbst.
  • Sie haben die Hoffnung, dass die Symptome irgendwann von selbst aufhören.

Was sind Komplextraumata (Komplexe PTBS) ?

Menschen mit einem komplexen Trauma haben eine Geschichte hinter sich, in der sie einer – lang anhaltenden, totalitären – Kontrolle  unterworfen waren. Dazu gehören

  • Sexueller Missbrauch
  • Sexueller Missbrauch bei Kindern
  • Vernachlässigung in früher und frühester Jugend
  • Physischer Missbrauch
  • Emotionaler Missbrauch
  • Häusliche Gewalt
  • Folter, Konzentrationslager – und all die Formen von Traumata, in denen das Opfer nicht fliehen kann oder glaubt, nicht fliehen zu können, z.B. wenn es unter einer Lawine verschüttet ist und nicht weiß, ob Hilfe kommt.

„In uns allen gibt es eine Kraft, die spontan nach Kontakt, Gesundheit und Lebendigkeit strebt. So sehr wir uns zurückgezogen und isoliert haben oder so gravierend das erlebte Trauma auch sein mag – auf der tiefsten Ebene gibt es in jedem und jeder von uns einen Impuls in Richtung In-Verbindung-Sein und Heilung, vergleichbar damit, wie die Pflanze dem Sonnenlicht entgegenwächst.“
Laurence Heller/Aline LaPierre, Entwicklungstrauma heilen


Symptome einer komplexen PTBS

Komplexe Traumata entstehen Wochen oder Monate nach dem Ereignis, aber es kann Jahre dauern, bis sie erkannt werden. Der Verlust von Vertrauen in die Menschen – und in die Welt ganz allgemein – ist zentraler Bestandteil einer komplexen PTBS. Einige Kinder reagieren darauf, indem sie defensiv oder aggressiv sind. Andere Kinder klinken sich aus dem Geschehen aus und wachsen mit einem Gefühl von Scham und Schuld auf. Sie fühlen sich in ihrer Haut unwohl und haben keine Zuversicht.

Zu den klassischen Symptomen einer PTBS kommen bei der komplexen PTBS folgende Symptome hinzu:

  • Gefühl von tiefer Scham und Schuld, mangelnder Selbstwert, negatives Selbstbild.
  • Gefühl von Benommenheit oder Betäubtsein.
  • Gefühl von Entfremdung (Depersonalisierung).
  • Gefühl von Hilflosigkeit, Wehrlosigkeit und Ausgeliefertsein.
  • Gefühl von unterschwelliger Bedrohung.
  • Mangel an Körpergefühl bis hin zum blackout von Körperarealen.
  • Sie können niemandem vertrauen und möchten am liebsten immer die Kontrolle behalten.
  • Sie können sich nicht freuen, reagieren nicht auf die Freude anderer, Mangel an Empathie.
  • Sie kontrollieren Ihre Gefühle durch Drogen oder Alkohol.
  • Sie koppeln sich innerlich vom Geschehen in Ihrer Umgebung ab (dissoziiert).
  • Sie können Ihre Gefühle nicht in Worte fassen.
  • Sie beschäftigen sich sehr oft mit Suizidgedanken.
  • Sie gehen spontan ins Risiko, tun spontan Dinge, haben Probleme mit Aggression und Impulskontrolle.
  • Sie haben Probleme mit dem Kontakt zu anderen Menschen. Sie haben das Gefühl nirgendwo dazu zu gehören und kommen sich wie eine Last vor.
  • Sie haben Probleme Grenzen zu setzen und unverblümt Nein zu sagen.
  • Sie fühlen sich dauernd belastet und unter Druck.
  • Sie entdecken an sich sehr viele Makel und reagieren sehr verletzlich auf Ablehnung.
  • Sie wissen einfach nicht was Sie brauchen und haben das Gefühl, dass Ihre Bedürfnisse es nicht verdienen, erfüllt zu werden.

Verschlimmernde Faktoren bei der komplexen PTBS sind:

  • Je jünger die Person, desto schlimmer das Trauma
  • Das Trauma wird von der primären Bezugsperson (z.B. der Mutter) verursacht
  • Das Trauma hält für lange Zeit an
  • Sie sind isoliert
  • Sie haben weiterhin Kontakt zu der Person oder Situation, die Sie bedroht oder missbraucht

Lesenswerte Bücher zum Thema sind:

Judith Lewis Herman, Die Narben der Gewalt, 400 S., 34,90 €, Junfermann Verlag, ISBN 978-3873875258 (die englische Ausgabe, Trauma and Recovery: The Aftermath of Violence–From Domestic Abuse to Political Terror)
J. L. Herman ist Professorin an der Harvard Universität und hat den Begriff der „Komplexen PTBS“ eingeführt. In ihrem Buch beschreibt sie die Auswirkungen und die Parallelen von häuslicher Gewalt, von privatem Terror wie Vergewaltigung und von öffentlichem Terror, wie ihn Veteranen und Opfer politischen Terrors erlebt haben. Das Buch vermittelt ein Verständnis für Probleme, die bisher als „persönliche Probleme“ abgetan wurden, und setzt diese in Bezug zu einem größeren sozio-politischen Rahmen. Im Jahr 1992 erschienen, hat das Buch das Denken über Traumata und die Art, wie ein Trauma behandelt wird, verändert.

Susan Hart, The Impact of Attachment: Developmental Neuroaffective Psychology, 427 S., 40,95 €, W. W. Norton & Company, ISBN 978-0393706628
Susan Hart, Brain, Attachment, Personality: An Introduction to Neuroaffective Development, 400 S., 54,40 €, Karnac Books , ISBN 978-1855755888
Susan Hart kombiniert die Erkenntnisse der Neurobiologie mit denen über zwischenmenschliche Beziehungen und zeigt die Auswirkungen auf frühe kindliche Bindungsmuster. Mit vielen Beispielen aus dem täglichen Leben und aus ihrer Praxis erklärt sie, wie sich eine gesunde Mutter-Kind-Beziehung entwickelt und was alles schief gehen kann.

Laurence Heller/Aline LaPierre, Entwicklungstrauma heilen, 432 S., 29,99 €, Kösel-Verlag, ISBN 978-3466309221 (die englische Ausgabe, Healing Developmental Trauma)
Dieses Buch untersucht die tiefsten menschlichen Bedürfnisse. Es führt zu einem tiefgreifenden Verständnis der fundamentalen Konflikte zwischen Eins-Sein und Getrennt-Sein, diesen zwei scheinbar unvereinbaren Gegensätzen, und zeigt einen Weg zu persönlichem Wachstum und Reife. Es beschreibt, wie frühe Kindheitstraumata die Fähigkeit für eine Beziehung zu sich selbst und zu anderen untergraben. Die daraus resultierende verminderte Lebhaftigkeit ist die verborgene Dimension hinter vielen psychologischen und physiologischen Problemen.


Quellen:
http://patient.info/health/post-traumatic-stress-disorder-ptsd
http://en.wikipedia.org/wiki/Complex_post-traumatic_stress_disorder